vorige Seite Ulrich Schödlbauer: Gesellschaftsdämmerung | Moderne zum Abwinken (II,1) nächste Seite
Moderne zum Abwinken
Die moderne Welt ist die schöne – aus keinem anderen Grund wird sie von ihren ohnmächtigen Verächtern oder ernüchterten Bewohnern als hässlich geschmäht. Wäre sie doch nur schöner! So wie sie ist, ist sie ganz die alte, obwohl sich in ihr alles verschoben hat und weiter verschiebt. Die moderne Welt ist ephemer – das kommt der Sache schon näher. Man muss den Leuten aufs Maul schauen statt auf die Theorien. Es ist immer zugleich im Grunde ganz einfach und alles ganz anders. Darin besteht der so genannte ›Diskurs der Moderne‹, in dem das Ephemere als Wesen gesetzt und gegen sich zur Geltung gebracht wird. Seit hundert Jahren erdenkt sich die Philosophie eine Oberfläche ohne Tiefe, ist kapriziös, funktionalistisch, konsensualistisch, dekonstruktivistisch und radikal-konstruktivistisch, ohne von der Stelle zu kommen, soll heißen, aus der Ohnmacht gegenüber der metaphysischen Tradition heraus zu kommen, die als eine Art durchgestrichenes Substrat in den Köpfen der Leute spukt. Wie die moderne Musik die Menschen in die Abgründe der Popularmusik getrieben hat, so hat das moderne Denken das Ich in einen Gefängniswärter verwandelt, der seine eingewurzelten Überzeugungen nicht herauslassen darf, es sei denn, es riskiere seinen Untergang als ›denkendes Wesen‹. In Wahrheit riskiert es nichts, denn was herauskäme, wäre vor allem Geschrei. Diese Zensur geht tiefer als alle Lippenbekenntnisse.
Inhalt weiter